Wissenschaft

Artenschwund: „Heute ist der Mensch der Asteroid“

„Heute ist der Mensch der Asteroid“, sagte der Impaktforscher Christian Köberl am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung zum Thema „Erhalt der Biodiversität“. Der Geochemiker und Obmann der Kommission für Geowissenschaften der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) verwies beispielhaft auf den dramatischen Rückgang der Insekten in Europa. Darauf und auf andere bedenkliche Entwicklungen hat die wissenschaftliche Gemeinde in den vergangenen Jahren mehrfach hingewiesen.

Dass es mit dem Bewusstsein für Veränderung aber auch hierzulande nicht sehr weit her ist, zeigt auch die erst am Donnerstag laut gewordene Kritik am Entwurf des Umweltministeriums für eine nationale Biodiversitätsstrategie seitens der Landwirtschaftskammer.

Tiefe Gräben beim Thema Artenschutz

Damit steht Österreich allerdings bei weitem nicht alleine da. Vielmehr zeichnen sich international mehr oder weniger tiefe Gräben beim Thema Artenschutz ab. Diese verlaufen zwischen den Ländern des Nordens und des globalen Südens, zwischen Wissenschaft und Politik und auch in der Forschungscommunity selbst, wie die Politikwissenschafterin Alice Vadrot von der Universität Wien bei der von der ÖAW und dem Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien organisierten Veranstaltung ausführte.

Das zeigte sich erst kürzlich bei den Verhandlungen über ein internationales Rahmenabkommen zum Schutz der Artenvielfalt in Genf. Diese Vorbereitung auf die große Artenschutzkonferenz in Kunming in China im Spätsommer endete ohne Einigung auf ein unterschriftsreifes Papier. So war man etwa auch drüber uneinig, wie Biodiversität gemessen werden soll.

Wissenschaft als „Streitobjekt zwischen Staaten“

Darüber, dass das Artensterben deutlich rascher vonstattengeht als in den vergangen Jahrtausenden, herrsche allerdings wissenschaftlicher Konsens. Das zeigt nicht nur der Bericht des Weltdiversitätsrat (IPBES) von 2019. Menschliche Aktivitäten beeinflussen große Meeres- und Landflächen, gesetzte Ziele zur Eindämmung der Entwicklung wurden nicht erreicht, hieß es. Ob aber die Politik überhaupt darauf ausgelegt ist, etwas dagegen zu tun, sei offen, sagte Vadrot.

Für die Politikwissenschaftlerin zeige sich hier, dass die Wissenschaft auch eine politische Rolle einnimmt und zum „Streitobjekt zwischen Staaten“ werden kann. Nachdem die Genfer Verhandlungen „nicht sehr erfolgreich gewesen“ seien, um in Kunming tatsächlich den Wandel einzuleiten, braucht es weiterte Vorverhandlungen. Die Grundvorstellungen seien immer noch unterschiedlich: Es gebe keine Einigung über konkrete Ziele oder darüber wie ein Monitoring aussehen könnte und letztlich auch nicht über die Finanzierung von Maßnahmen. So pocht der globale Süden auf Unterstützung aus dem Norden, der sich wiederum ziert.

Umdenken ist da, aber zu wenig

Neben all dem gebe es auch noch viele weiße Flecken auf den wissenschaftlichen Landkarten. Das gelte nicht nur für die Hochsee, dem Forschungsgebiet Vadrots, sondern auch für viele Länder des Südens. So ist der Forschungsstand regional höchst unterschiedlich und es werden unterschiedliche Methoden bei der Erforschung angewendet.

Aber auch hierzulande sei etwa die Bodenbiodiversität kaum erforscht, sagte Sophie Zechmeister-Boltenstern von der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien. Das sei ein Problem, denn damit in Zusammenhang steht auch Gedeih und Verderben der oberirdischen Pflanzendiversität. Letztlich können Böden, die reich an Mikroorganismen sind, aber deutlich mehr CO2 speichern und schädliche menschliche Aktivitäten mitunter ausgleichen, so die Forscherin.

Trotzdem sieht Vadrot ein Umdenken – zumindest in vielen Industrieländern. Die Biodiversitätskrise werde viel stärker wahrgenommen als noch vor 15 Jahren. Echte Veränderung verlange aber tiefere Einsichten, wenn es etwa darum geht, Subventionen für eine Form der Landwirtschaft zu überdenken, die die Artenvielfalt stark reduziert.

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